Neue Lübeck Brief 2016

Schottland, den 11. Oktober 2016

Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin Schopenhauer,

Ich bedanke mich für die freundliche Einladung, Ihnen diesen Brief zu schreiben.

Ich liebe Briefe.

Ich liebe das Gefühl, einen Brief in der Hand zu halten. Ich liebe es, einen Brief zu empfangen und mich zu fragen, was wohl sein Inhalt sein mag. Und selbstverständlich liebe ich die Lektüre eines Briefes. Wenn es darin um Liebe, um Geschichten oder auch um Klatsch und Tratsch geht, lese ich ihn am liebsten immer noch einmal wieder, falte ihn dann zusammen und verwahre ihn in einem Kästchen mit anderen Briefen damit ich ihn, einst in der Zukunft, wieder herausnehmen und noch einmal lesen kann. Oder damit in noch fernerer Zukunft meine Enkel den Brief herausnehmen und durch die Berührung den Funken einer Verbindung zu Dir und mir, dem Leser und dem Verfasser spüren können.

Emails kann man nur schwerlich lieben.

Und das gilt auch SMS.

Twitter macht süchtig, bietet dem Menschen aber keinen Raum.

Nein, wenn uns an einer wahren Verbindung gelegen ist, wenn wir unseren eigenen Atem, wenn wir unser Selbst mitteilen wollen, müssen wir zu Stift und Papier greifen. Und genau das tat mein Landsmann William Wallace, als er sich im Jahre 1297 daran machte, den ursprünglichen Lübeck-Brief zu verfassen. Er entzündete seine Lampe, ließ sich an seinem Schreibtisch in einem Schottischen Schloss nieder und brachte das, was ihn bewegte zu Papier, in der Hoffnung, Ihre Landsleute an der weit entfernten Küste jenseits des Meeres zu erreichen.

In seinem Brief beschwor er Schottland und Europa, ihre Verbindung aufrechtzuerhalten.

Und darum geht es auch in meinem Brief.

Gestatten Sie mir zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick: Vor 10.000 Jahren bestand zwischen der Insel, die wir heute Großbritannien nennen, eine Landverbindung nach Nordeuropa. Eine Gegend aus weitläufigen, hügeligen Ebenen und Marschland, die die Archäologen als Doggerland bezeichneten. Heute liegt diese Landbrücke auf dem Grunde der Nordsee. Damals jedoch befand sich dort eine grüne und fruchtbare Gegend, von Wäldern bedeckt und reich bevölkert von Rotwild und Auerochsen und anderem Getier. Das Doggerland bot zudem Menschen Raum, sich zu entfalten. Hier und da fanden sich Dörfer. Es gibt sowohl Nachweise landwirtschaftlicher Aktivität als auch Spuren von Jägern und Sammlern.

Und selbstverständlich wurde Handel getrieben.

Waren, Ideen, Lieder und Menschen – alle dies genoss auf dem verzweigten Wegenetz Doggerlands Freizügigkeit und so schufen die Vorfahren unserer damals weit voneinander entfernten Völker auf der nördlichen Schulter Europas eine enge Verbindung untereinander.

Wir wissen dies heute dank historischer Funde in Schottland, die ihren Ursprung in den Gebieten des heutigen Deutschlands hatten. Wir wissen dies, da es in Schottland Formen des Töpferhandwerks gibt, die deutliche kontinentaleuropäische Einflüsse aufzeigen. Das gleiche gilt für die Gebäudearchitektur. Wir wissen dies auch…, nun, weil wir es eben wissen. Wir wissen, dass Menschen Menschen sind und wir wissen, dass benachbarte Völker sich Botschaften zukommen lassen… dass sie darum bemüht sind, miteinander Handel zu treiben, Allianzen zu bilden, dass sie sich verlieben. Und wie könnte es auch anders sein?

Als um das Jahr 5.000 v.Chr. das Eis schmolz und die Gegend überflutet wurde, verschwand die nordeuropäische Landbrücke. Die Wege und Pfade Doggerlands versanken im Meer. Wo einst eine Frau zu ihrer Hochzeit zu Fuß von einem Dorf ins andere gegangen sein mochte, war nun alles von Algen und Tang bedeckt und über ihrem Kopfe sähe sie den Rumpf von Schiffen. Britannien war durch das Meer von Europa abgeschnitten und der einzige Nachweis einstigen Lebens am jetzigen Meeresgrunde waren seltsam anmutende Mammutknochen, die hin und wieder, zusammen mit dem Heringsfang in den Netzen niederländischer Fischer an die Wasseroberfläche geholt wurden.

Doch trotz der Überflutung blieb der Drang, sich mit anderen zu verbinden.

Über Jahrhunderte bildete die Nordsee nun sowohl ein Kommunikationsmedium als auch eine Kommunikationshürde zwischen Schottland und dem Ostseeraum. Allerdings bestanden Seeverbindungen zwischen den Häfen im Osten Schottlands und den Häfen Norddeutschlands, auf denen Waren, Ideen, Menschen und…Wolle…unglaublich viel Wolle gehandelt wurde. Diese Handelsverbindungen waren so stabil, dass im Zeitalter der Hanse der Gebrauch des Schottischen in den Niederlassungen vieler norddeutscher Kaufleute durchaus üblich war. Es wurde geheiratet, man schmiedete Allianzen, Geld und Ideen verbreiteten sich und Menschen zogen um.

Für Sie war dieser Handel etwas Angenehmes.

Für Schottland war er überlebenswichtig.

Vielleicht wissen Sie, dass Schottland nicht gerade für seine Fruchtbarkeit bekannt ist. Unser Land besteht in weiten Teilen aus einer dünnen Schicht Erde auf entlegenen, kalten und exponierten Felsen am Rande des europäischen Kontinents. Die Verbindungen zu anderen Menschen und der Handel sind für die Bewohner Schottlands keine Luxusgüter sondern die Zutaten für ein erträgliches Leben. Wir importieren Wein, gutes Essen, Technik und Ideen. Wir sind mobil. Wir gehen ins Ausland um zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Wir haben im Gegenzug dafür keine reichhaltigen natürlichen Ressourcen. Schafe vielleicht und hauptsächlich Regen. Dafür haben wir die Menschen. Und Menschen können Regen in Whisky verwandeln… und wie Sie wissen, macht Whisky das Leben um einiges erträglicher, egal ob man gerade in Lübeck oder Edinburgh sitzt… Und so sitzen und trinken wir zusammen, erzählen uns unsere Geschichten… und nennen es: Handel.

Im Jahre 1297, als mein Landsmann William Wallace zum ersten Mal nach Lübeck schrieb, setzte er sich für den Handel ein. Schottland befand sich in einer Krise. Das Königreich England, unser größerer und zahlenmäßig überlegener Nachbar, beabsichtigte, Schottland zu unterwerfen. Zu diesem Zweck hatten die Englischen Könige damit gedroht, die für unser Wohlergehen so wichtigen Handelsrouten über die Nordsee abzuschneiden. Vor diesem Hintergrund sandte William Wallace einen eindringlichen und deutlichen Appell an die Bewohner Norddeutschlands, in dem er um Unterstützung bei der Wahrung der Nordseeverbindung bat. Er bat Sie, uns dabei zu helfen, Schottlands Tür zur Welt offen zu halten – und Sie entsprachen seiner Bitte.

Seit der Zeit des William Wallace waren die Verbindungen zwischen Schottland und Lübeck immer wieder Schwankungen unterworfen, doch hatten sie stets Bestand. In der heutigen Zeit, im Zeitalter der Europäischen Union mag manch einer versucht sein, diese Verbindungen als etwas Selbstverständliches zu betrachten. Was ist denn schon so besonders an der Verbindung zwischen Schottland und Deutschland, wo diese Verbindung doch auch zwischen Estland und Spanien gilt? Oder auch für Bulgarien und Irland? Angesichts der Vielzahl von Verbindungen, die unseren Kontinent zusammenhalten, mögen die Verbindungen Schottlands belanglos und nicht überraschend erscheinen.

Doch das ist nun anders.

Im Jahr 2016 durchlebt Schottland erneut eine Krise. Gegen unseren Willen sollen wir die Europäische Union verlassen. Obgleich sämtliche Landesteile Schottlands für den Verbleib gestimmt hat, sollen wir aus der Europäischen Union austreten. Dieser Austritt bricht mir und vielen Schotten das Herz. Wir fühlen uns wie die Frau, deren Mann ihr ohne jegliche Absprache urplötzlich eröffnet, dass er das Haus verkauft hat und dass die Familie auswandert.

Die vielen und vielfältigen Verbindungen, die sich im Laufe der letzten fünfzig Jahre zwischen uns und Europa herausgebildet haben, sollen, wie es scheint, aufgelöst werden. Der Menschenstrom zwischen unseren Ländern soll zum Stillstand kommen. Die vielen Pfade und Wege auf denen wir uns begegnen – in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Kunst und in der Liebe – sollen geschlossen werden.

Doggerland soll einmal mehr überflutet werden.

Doch das muss nicht zwangsläufig so sein. Ich begann diesen Brief mit einer optimistischen Note und gleich William Wallace, möchte ich ihn mit Optimismus beenden. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die stoffliche Beschaffenheit dieses Briefes. Das Schriftstück, das Sie in Händen halten, gleich dem ersten Lübeck-Brief, zeugt vom andauernden Wunsch des Menschen, Verbindungen einzugehen. Dieses Dokument, das die Spuren menschlicher Gegenwart trägt, ist der materielle Beweis vieler Akte der Offenheit und der Einladung. Ich spreche vom Akt der Einladung an mich, diesen Brief zu schreiben, von meinem Akt des Schreibens, vom Übersetzungsakt, und selbstverständlich vom Akt der eigentlichen Überbringung des Briefes. All diese Akte sind gleichsam Fäden unserer Verbindung. Ähnlich den Synapsen des menschlichen Gehirns, machen uns diese Verbindungsfäden zu dem, was wir sind. Und mit jeder Aktivierung einer Verbindung, tragen wir zu ihrem Erhalt bei. Beim Schreiben pflegen wir unsere Schreibfertigkeit, beim Lesen pflegen wir unsere Lesefertigkeit und indem wir Verbindungen eingehen, halten wir unsere Fähigkeit, uns mit anderen zu verbinden, am Leben.

Verehrte Frau Stadtpräsidentin, ich wende mich heute aus Schottland mit einer Bitte an Sie: Bitte hören Sie in dieser Zeit der Abschottung nicht auf, zu schreiben. Bitte wahren Sie die Tradition des Lübeck-Briefes. Bitte halten Sie diese kleine Tür geöffnet.

Verehrte Frau Stadtpräsidentin, ich schreibe diesen Brief an einem silberhellen Morgen am Ufer des Flusses Forth. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich wie die Schiffe die geschützte Flussmündung verlassen und sich langsam mit der Flut hinaus auf die Nordsee bewegen. Einige dieser Schiffe haben ohne Zweifel Hamburg als Zielhafen und für einige, wie auch für diesen Brief, lautet das Ziel Lübeck.

Während ich den Schiffen nachschaue, erinnere ich mich:

Der Drang des Menschen, sich zu verbinden, dauert an.

Menschen ändern weiterhin ihren Aufenthaltsort.

Liebende werde sich weiterhin suchen.

Botschaften werden weiterhin überbracht.

Mit freundlichen Grüßen,

David Greig

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